Freitag, 14. Juni 2019: Carlos Spoerhase: Die ‚Dunkelheit‘ der Dichtung als Herausforderung der Philologie, in: Christian Scholl u.a. (Hrsg.): Konzert und Konkurrenz. Die Künste und ihre Wissenschaften im 19. Jahrhundert, Göttingen 2010, S. 133–155.

In diesem Beitrag argumentiert Carlos Spoerhase dafür, dass es für Philolog*innen, also für Leute, die sich professionell mit vorzugsweise literarischen Texten beschäftigen, empfehlenswert wäre, eine Unverständlichkeitskompetenz zu entwickeln. Was soll das heißen? Interpret*innen literarischer Texte machen es sich ja zur Aufgabe, unverständliche Texte verständlich zu machen. Vorab wäre es aber, so Spoerhase, gut zu verstehen, was denn eigentlich den jeweils vorliegenden Text unverständlich macht: Ist es der große, aber prinzipiell überwindbare historische Abstand? Oder ist der Text programmatisch mehrdeutig? Oder ist er vielleicht einfach unfertig? Oder ist es der Autorin, dem Autor nicht gelungen, das, was sie oder er sagen wollte, klar und deutlich zu sagen? Oder ist es noch etwas anderes?

Es geht also um die Frage, wie man mit schwierigen, komplexen Texten umgehen sollte – nachdem wir in vergangenen Gesprächen umgekehrt über die Geschichte des Ideals der Einfachheit gesprochen haben. Dunkelheit, obscuritas, ist seit alters her eine Metapher für die Schwerverständlichkeit oder gar Unverständlichkeit schwieriger Texte. In der Rhetorik gilt Dunkelheit als etwas Negatives, etwas, das den Sinn der Rede verstellt und das dafür sorgt, dass man für die verstehende Lektüre des Texts mehr Lebenszeit verbraucht, als eigentlich nötig wäre. Das Ideal der Rede ist das Gegenteil, perspicuitas, Klarheit und Transparenz.In bestimmten ästhetischen Konstellationen hingegen kann Dunkelheit als etwas Positives gelten; es kann entsprechend geradezu als Gütezeichen gelten, wenn man für den schwierigen Text viel Lebenszeit aufwenden muss. Es kann auch als Zeichen ästhetischer Kennerschaft gelten, wenn man mehr Zeit mit einem Text zubringt als andere Leute. Übrigens ist das auch eine Frage der Textsorte: Naturwissenschaftliche papers können sehr schnell, aber auch sehr langsam gelesen werden; philosophische Aufsätze können vielleicht überhaupt nicht schnell gelesen werden; gute Lyrik, so denkt man, erfordert eine langsame Lektüre, ein Unterhaltungsroman eine flottere. Und das Ganze steht wiederum in einem bestimmten, je unterschiedlichen Verhältnis zur Textlänge und zur Intensität der Lektüre: Kurze Gedichte soll man langsam lesen, lange Romane von Alfred Döblin aber auch, kurze naturwissenschaftliche papers manchmal schnell, mittellange germanistische Aufsätze zwar Wort für Wort, aber doch zügig. Manche naturwissenschaftlichen papers sind eher zum Überfliegen gedacht; vielleicht schaut man erstmal die Abbildungen an, bevor man sich dem Text widmet. Homepages sind nochmal etwas anderes; Anträge auf Forschungsprojekt erfordern wieder eine andere Lesegeschwindigkeit und -intensität. Der vom Text ‚geforderte‘ Aufwand an Lebenszeit kann hier sehr unterschiedlich sein. Was heißt es hier jeweils, ‚ernsthaft‘ zu lesen und ‚wirklich‘ zu verstehen? Was heißt es, einen Text gelesen zu haben? Ihn verstanden zu haben? Wann weiß ich, warum ich etwas nicht verstanden habe? Woher weiß ich, wann ich etwas verstanden habe? Als Klassiker gelten Texte, die man immer wieder lesen kann, aber nicht unbedingt wegen ihrer Dunkelheit, sondern häufig auch, weil sie so treffende und anschlussfähige Gedanken und Formulierungen enthalten.

Das Verstehen literarischer Texte umfasst, so liest man bei Spoerhase (S. 136), häufig auch historische Kontextualisierungsbemühungen. Zunächst könnte man denken, dass das für wissenschaftliche Texte nicht gilt. Es gilt aber auch hier. So kann die Antwort auf die Frage: Wer ist eigentlich Carlos Spoerhase? mir helfen, seinen Text zu verstehen. Eine andere Besonderheit hat aber die literarische Hermeneutik, die sie von der Hermeneutik wissenschaftlicher Texte unterscheidet: Sie unterliegt einer Spannung. Literarische Texte sind, so die landläufige Meinung, vieldeutige Texte. Als Freund*in der Literatur ist vielleicht mein Impuls zu sagen: Lasst den Texten doch ihre Vieldeutigkeit, sonst macht ihr sie kaputt. Als Freund*in der Wissenschaft aber sage ich: Ich will verstehen, welche der vielen möglichen Bedeutungszuschreibungen an den Text legitim sind und welche nicht. Diese Spannung hat die Literaturwissenschaftlerin, der Literaturwissenschaftler auszuhalten.

Was machen wir aber mit einem Gedicht wie „Wandrers Nachtlied“ von Goethe? Das ist ein Text, der so einfach ist, dass eine unbefangene Leserin, ein unbefangener Leser vielleicht fragen würde: Was soll denn daran besonders sein? Der Impuls vieler Literaturfreund*innen ist in solchen Fällen der zu sagen: Der Text ist nur scheinbar einfach, in Wirklichkeit ist er sehr tiefsinnig, unter der Textoberfläche finden sich noch zahlreiche unerhörte Bedeutungsdimensionen. Wie aber wäre es zu sagen: Der Text ist zunächst einmal sehr einfach und klar verständlich? Es gibt hier gar nicht viel zu interpretieren?

Unverständlichkeitskompetenz ist eine Sache, Unverständniskompetenz eine andere, wenngleich benachbarte. Unverständlichkeitskompetenz heißt: Ich verstehe, warum ein Objekt des Verstehens schwer oder nicht verständlich ist. Unverständniskompetenz heißt: Ich verstehe, warum ich als Subjekt des Verstehens mich mit dem Verstehen schwer tue. Das ist nämlich eine schwierige Sache: Es ist schwer, Verständnisschwierigkeiten auf den Punkt zu bringen. Nichtverstehen ist etwas Diffuses. Unverständniskompetenz hieße, sagen zu können, was man eigentlich nicht verstanden hat, und sagen zu können, warum man es nicht verstanden hat. Praxisbeispiel Physik- oder Germanistiktutorium: Studierende können oft nicht sagen, was genau sie bei einem Thema nicht verstanden haben – irgendwas ist obskur, aber ich kann nicht auflösen, was das ist. Hier weiterzukommen, ist wahrscheinlich weithin eine Sache von learning by doing, von praktischem Lernen.