Montag, 24. Juni 2019: Sabine Hossenfelder: Das hässliche Universum. Warum unsere Suche nach Schönheit die Physik in die Sackgasse führt. Aus dem Englischen von Gabriele Gockel und Sonja Schuhmacher, Kollektiv Druck-Reif, Frankfurt a.M. 2018.

Sabine Hossenfelder stellt in ihrem Buch die kritische These auf, die Teilchenphysik habe in den letzten Jahrzehnten keinen nennenswerten Fortschritte erzielt, und das liege daran, dass sich Physikerinnen und Physiker bei ihren Forschungen unzulässiger Weise an Kriterien wie Schönheit, Eleganz, Symmetrie und, ja, Einfachheit orientierten. Das aber führe in die Irre.

In der Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie ist es schon lange bekannt, dass die Wissenschaft sich nicht allein am Kriterium der Wahrheit orientiert, sondern auch an anderen Kriterien: Schönheit, Einfachheit, Eleganz. Das ist ja vielleicht auch gar nicht so schlimm, auch wenn es von Hossenfelder als Problem dargestellt wird. Es geht dabei nicht zuletzt um die Frage von Emergenz, oder, auf einer anderen Ebene, um die Frage nach der Entstehung des Neuen: Manchmal entsteht oder passiert etwas, ohne dass man es zunächst erklären kann. Woran soll man sich bei seinen Forschungen orientieren, um Anhaltspunkte dafür zu erhalten, wo sich die Emergenz ereignen könnte?

Eine Frage, die sich bei der Lektüre von Hossenfelders Buch stellt, ist die, ob die von ihr konstatierte Stagnation der Wissenschaft historisch etwas Ungewöhnliches ist oder nicht vielleicht doch etwas Normales. Vielleicht ist Hossenfelders Kritik auch der Ausdruck individueller Ungeduld: Warum passiert in meinem Forschungsfeld während meiner individuellen Schaffenszeit so wenig? Vielleicht werden hier mit Blick auf zu kurze Zeitdistanzen zu hohe Erwartungen an die Wissenschaft formuliert. Eine weitere, damit verwandte Frage ist die, was es eigentlich für eine Art von Stillstand ist, den Hossenfelder diagnostiziert. Ist es, mit Thomas Kuhn gesprochen, der Nichteintritt eines eigentlich nötigen ‚Paradigmenwechsels‘ oder nicht vielleicht doch eher eine Form von Stillstand in der ‚Normalwissenschaft‘?

Was bedeutet eigentlich in den Wissenschaften überhaupt Fortschritt? Heißt das, dass gemessen an den eingesetzten Kosten etwas Angemessenes herauskommt? Woran erkennt man, ob eine Bewegung in den Wissenschaften wirklich ein Fortschritt ist? Heißt das, dass eine Erkenntnis es einem ermöglicht, etwas richtig, besser, anders zu verstehen? Der beteiligte Wissenschaftler, die beteiligte Wissenschaftlerin kann jedenfalls möglicher Weise nicht ohne Weiteres erkennen, ob etwas, das er oder sie getan hat, einen Fortschritt bedeutet. Und das gilt nicht nur in den Geistes-, sondern auch in den Naturwissenschaften: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen einfach mal was, und manchmal kommen andere Dinge dabei heraus, als sie erwartet haben.

Stimmt es denn, dass Physikerinnen und Physiker dem Fetisch von Einfachheit, Eleganz und Symmetrie huldigen? Selim bestätigt das, stellt aber in Frage, ob das sehr schlimm ist. Man ist damit ja recht weit gekommen. Was aber heißt das nun wieder, woran bemisst sich das? Hossenfelder wirft in ihrem Buch die Frage auf, ob nicht die Suche nach Schönheit bei der Naturbeobachtung fehlgeleitet sein könnte. Aber sie gibt keine zwingenden Gründe an, dass das so ist. Vielleicht ist dieses Kriterium gar nicht so falsch?

Eine Randbemerkung: Manche der Physiker, die in Hossenfelders Buch zu Wort kommen, benutzen Worte wie ‚Philosophie‘ oder ‚Soziologie‘, um schlechte Wissenschaft zu bezeichnen. ‚Das ist reine Philosophie‘ oder ‚Das ist eine soziologische Erklärung‘ heißt dann so etwas wie: ‚Das ist einfach nicht haltbar, das ist Gelaber‘. Selim meint, diese Abgrenzung von den Geisteswissenschaften fände sich typischer Weise bei besonders erfolgreichen Naturwissenschaftler*innen, die aufgrund ihrer Erfolge sehr zuversichtlich sind, mit ihrer Sicht auf die Dinge die Welt erklären zu können. Dass da eine gewisse Engstirnigkeit im Spiel ist, lässt sich nicht leugnen.

Krisen in der Wissenschaft können, so kann man bei der Lektüre von Hossenfelders Buch lernen, mindestens an zwei Dingen liegen: 1. Man kann was nicht erklären. 2. Es tut sich nichts. Die zweite Art der Krise ist die fundamentalere – wenn man nämlich nicht weiß, was man erklären will, wonach man suchen muss. Wenn man nämlich weiß, wonach man suchen muss, dann ist die Sache schon fast geklärt. Aber offenbar weiß man das oft nicht. Oft sind die Dinge nicht so klar; man weiß gar nicht so genau, wonach man sucht und was man da eigentlich gerade tut. Forschungsanträge oder, im Extremfall, der Aufbau einer politischen Lobby für den Bau eines immens teuren Teilchenbeschleunigers, stehen hier vor einem Problem, da sie Versprechen geben müssen, die behaupten, man wisse schon, was bei einer geplanten Forschung herauskommen werde. Macht man aber im Falle eines erfolgreichen Forschungsantrags dann auch das, was man versprochen hat? Entspricht das der ‚Logik der Forschung‘? Das hängt vielleicht auch mit dem spezifischen Forschungsgebiet zusammen und den damit korrelierten Wissenschaftler*innentypen: Teilchenphysiker*innen zum Beispiel sind Manager, Pragmatiker, keine Grübler; Vielteilchenphysiker probieren aus, denken nach, gehen mehr Risiken ein.