Montag, 8. Juli 2019: Olaf L. Müller: Zu schön, um falsch zu sein. Über die Ästhetik in der Naturwissenschaft, Frankfurt a.M. 2019.

Olaf L. Müller argumentiert in seinem Buch dafür, dass der ‚Schönheitssinn‘, mit dem Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler, vor allem Physikerinnen und Physiker, ihre Arbeitsergebnisse beurteilten, verwandt sei mit dem ‚Schönheitssinn‘, mit dem ‚wir‘ Kunstwerke beurteilten (S. 34 und öfter). Die These kommt uns ein bisschen Wischiwaschi vor. Was soll denn ‚eng verwandt‘ heißen? Was soll Schönheitssinn sein? Und wer ist ‚wir‘? Andererseits ist die Frage schon interessant: Was sind unsere Bewertungskriterien bei der Bewertung von Kunstwerken einerseits, Theorien und Experimenten andererseits? Müller stellt mithin gute Fragen, aber man bekommt in dem Buch eher wenige Antworten. Unter anderem stellt er die Frage, die auch für den Heidelberger Exzellenzcluster Structures leitend ist: Warum zum Teufel ist so viel Struktur und so wenig Chaos im Universum (S. 13)? Oder warum kommt uns das so vor?

Das Buch ist sehr ‚fluffig‘ geschrieben, allerdings sind die Thesen, für die Müller argumentiert, nicht unbedingt neu. Die im Buch gebotene Informationsdichte ist nicht sehr hoch, uns fallen allerhand Redundanzen auf; wir fragen uns, aus welcher Motivation heraus und für welche Zielgruppe Müller schreibt? Aufgrund der ähnlichen Themen drängt sich der Vergleich mit dem Buch von Sabine Hossenfelder auf. Hier glauben wir verstanden zu haben, dass die Autorin getrieben von einer Krise schreibt, einerseits einer Krise der von ihr betriebenen Wissenschaft, andererseits einer damit zusammenhängenden persönlichen Krise. Im Falle Müllers können wir einen ähnlichen Impetus nicht erkennen. Das Buch ist einerseits Plauderlei, andererseits streng aufgebaute philosophische Abhandlung. Es enthält Hinweise zum Gebrauch und allerhand Mittel der Erschließung, die das Lesen und die sonstige Handhabung erleichtern: Register, Kurzzusammenfassungen, eine starke interne Gliederung durch Nummerierungen und Paragraphierungen der Kapitel. Hossenfelder bezieht sich auf neueste Entwicklungen der Physik, Müller auf ganz alte, abgehangene, auch ein bisschen veraltete Theorien. Ist das relevant für die Beurteilung ihrer Argumente? Alte Theorien sind abgehangenes Wissen; man glaubt, schon ungefähr zu wissen, worum es geht. Dagegen wissen ‚normale‘ Menschen nicht, worum es bei der aktuellen Physik geht.

Müllers Buch berührt eine Fragestellung, die wir wichtig und interessant finden: Wie entscheidet man, was man forschen will? Wie kann man entscheiden, welche Forschungen aussichtsreich sind? Müller geht es aber weniger um den Entdeckungs- sondern mehr um den Begründungszusammenhang. Hier empfiehlt er einen Mittelweg zwischen zwei Extremen. Vertreterinnen und Vertreter eines strikten Szientismus würden sagen: Kriterien wie Schönheit spielen bei der Beurteilung von Forschungsergebnissen keine Rolle oder dürfen keine spielen, es kommt nur darauf an, ob die Ergebnisse wahr oder falsch sind. Vertreterinnen und Vertreter einer – insbesondere in der literaturwissenschaftlichen Wissensforschung verbreiteten – ‚Poetologie des Wissens‘ würden sagen: So etwas wie wahr und falsch gibt es nicht wirklich, Schönheit und ähnliche Konzepte bilden die wahren Kriterien zur Beurteilung wissenschaftlicher Forschungen. Den Mittelweg zwischen diesen Extremen macht Müller im Schlusswort seines Buchs explizit: Nicht alles, was Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tun, ist Konstruktion, es gibt durchaus etwas da draußen, aber der Mensch entscheidet nach seinen Kriterien, wonach er sucht, und weil es so viel zu entdecken gibt, kann der Mensch es sich leisten, das Leitkriterium der Schönheit heranzuziehen. Das nennt Müller die ‚humanistische‘ Sicht der Naturwissenschaft.

Eine andere, ähnliche These, die uns diskussionswürdig vorkommt, ist die, dass wir Dinge schön finden, die uns umgeben, etwa Dinge in der Natur, zum Beispiel einen symmetrischen Regenbogen, den Kontrast von Dolomitenbergen über Almweiden, das ungewohnte Lichtspiel, wenn der Sonnenuntergang diese Berge rosa färbt. Wonach suchen wir, wenn wir etwas Schönes suchen? – Naturwissenschaftler*innen reden erstmal nicht über Schönes; Künstler*innen und Geisteswissenschaftler*innen aber nach Müller auch nicht. Ist Schönheit banal? Es ist ähnlich wie mit dem Konzept des Geschmacks: Es ist verpönt sowohl in der Naturwissenschaft als auch in der Kunsttheorie. Dabei war ‚Geschmack‘ einmal das Zentralkonzept der Kunsttheorie, jetzt ist es eher eine Randerscheinung. Hat das etwas damit zu tun, dass die Kunstwissenschaften sich ausnüchtern, verwissenschaftlichen, nicht mehr bildungsbürgerlich sein wollen? Wie kann man überhaupt über Kunst reden? Wir kennen das Modell der Künstlerin, des Künstlers, die oder der gar nicht über seine, ihre Kunst redet, sondern allenfalls zeigt und in eine Lebensform einübt. Und wir kennen das Modell der Poetikvorlesung – zum Beispiel der Heidelberger Poetikdozentur. Hier erklärt ein Künstler, eine Künstlerin seine, ihre Kunst, aber anders, als es Wissenschaftler*innen tun.

Nicht zuletzt ist die Frage nach der Schönheit auch ein Link zwischen Religion und Naturwissenschaft: Hat Gott hat alles so schön gemacht? Oder: Offenbart sich die Welt als schön? Schönheit fungiert als Ideal einer ‚zwingenden‘ Naturwissenschaft. Spannend fanden wir den in Hossenfelders Buch referierten Gedanken Fred Hoyles, wonach die Theorie vom Urknall deshalb so attraktiv ist, weil sie mit der Genesisgeschichte kompatibel ist (vgl. Hossenfelder, S. 47). Das ist ja durchaus eine komische Theorie: Was war denn vor dem Urknall? Darüber kann man nichts sagen. Vorstellen muss man sich den Urknall als Riesenexplosion. Aber was hat die Explosion induziert?

Richtig finden wir Müllers Ansicht, dass bei vielen wissenschaftlichen Fragen Definitionen – etwa von ‚Schönheit‘, ‚Einfachheit‘ und so weiter – nicht unbedingt weiterhelfen (S. 28). Oft kommt man – frei nach Ludwig Wittgenstein – mit der Beobachtung von Alltagssprache, von Sprachverwendung, von Familienähnlichkeiten weiter.