Montag, 22. Juli 2019: Olaf L. Müller: Zu schön, um falsch zu sein. Über die Ästhetik in der Naturwissenschaft, Frankfurt a.M. 2019. (II)

Müller zeichnet Albert Einstein als jemanden, der die Schönheit von Theorien als wichtige Voraussetzung für ihre Akzeptanz beschreibt (S. 52 f.). Handelt es sich hier mit Blick auf das, was Müller plausibel machen möchte, um ein Autoritätsargument? Diese Frage führt uns zu einem Nachdenken darüber, dass unterschiedliche Wissenschaftsbereiche affiner für Autoritätsargumente zu sein scheinen als andere – und unterschiedliche wissenschaftliche Darstellungsformen auch: Zwischen studentischer Seminararbeit, öffentlichkeitswirksamem Vortrag und für Experten geschriebenem Paper lassen sich vermutlich Differenzierungen beobachten. Interessant ist auch die Frage, wie man eigentlich eine Autorität wird?

Irgend etwas stört uns an Müllers Darlegungen. Das hat vielleicht zu tun damit, dass der Autor erstens manchmal eine verklärte Ansicht von Wissenschaft propagiert („Ich habe vor, ein attraktives Bild von Naturwissenschaft und insbesondere Physik zu zeichnen, in dem unserem Schönheitssinn ein prominenter Platz zukommt“, S. 52) und sich zweitens nicht vor unbegründeten Urteilen zurückhält („Fischer preist ausgerechnet die Schönheit der Alchimie und wagt es, sie mit der Schönheit der Urknalltheorie zu vergleichen. Damit geht er sicherlich zu weit“, S. 423).

Müller bringt, wie es durchaus naheliegend ist, im Laufe seiner Argumentation Schönheit und Einfachheit in Verbindung: Finden wir nicht manchmal Theorien schön, weil sie einfach sind, so wie wir auch architektonische Formen manchmal wegen ihrer Einfachheit schön finden (S. 428, 434 f.)? Zumindest wenn man diesen Gedanken auf (literarische) Texte überträgt, dann wird ein wichtiger Unterschied zwischen Schönheit und Einfachheit deutlich: Schönheit ist eine subjektive Kategorie; man kann durch Umfragen und Erhebungen feststellen, ob Menschen etwas für schön halten oder nicht. Im Fall von Einfachheit ist das nicht so einfach. Einfachheit ist keine rein subjektive Kategorie, sie liegt nicht ausschließlich im Auge des Betrachters, sondern ist dem Anspruch nach eine Struktureigenschaft. Aber ist Einfachheitsempfinden nicht auch sehr subjektiv? In jedem Fall ist Einfachheit relativ: Ist ein Kreis oder ein Quadrat einfacher? Das kann man nur beantworten, wenn man zuvor die Frage beantwortet: bezüglich was?

Einfach, was ist das? Wenn man etwas verstanden hat, dann ist es einfach. Vorher ist es aber nicht einfach. E = mc² – einfacher geht es eigentlich nicht, und doch enthält diese Formel etwas sehr Komplexes. Ist einfach etwas, das wenige Bestandteile und wenige Verknüpfungen aufweist? Oder ist etwas umso einfacher, je näher es an der 1 ist? In jedem Fall ist es so, dass man, wenn man Dinge erklärt, sie einfach darzustellen versucht. Es geht also auch um eine bestimmte Perspektive auf einen Gegenstand: Man kann etwas einfach darstellen, was eigentlich zu schwierig ist. Man kann ein einfaches ‚Narrativ‘ für komplexe Sachverhalte finden. Man kann die unklaren, unverständlichen Aspekte einer Sache verstecken, um zunächst einmal einen einfachen Zugang zu ermöglichen. So etwas tun zum Beispiel Dozentinnen und Dozenten in universitären Lehrveranstaltungen gar nicht mal so selten: Hier entsteht für die Studentinnen und Studenten dann vielleicht der Eindruck, ein dargestellter Sachverhalt sei einfach, weil ihnen in der Lehrveranstaltung genau der richtige Blickwinkel darauf geboten wird. Wichtig ist dabei dann nur, dass im weiteren Lernprozess nach und nach die eigentliche Komplexität des Gegenstands sichtbar wird. Und die Adäquatheit einfacher Narrative hat auch ihre Grenzen: Es kann auch sein, dass etwas so heillos vereinfacht dargestellt ist, dass es dadurch falsch wird.

Seit wann benutzen eigentlich Leute die Opposition ‚einfach versus komplex‘? Eine Anfrage bei Google engram ergibt, dass die Verwendung des Worts ‚einfach‘ seit 1800 mit zunehmender Häufigkeit vorkommt. Ein erkennbarer Anstieg ist zwischen 1830 und 1850 zu erkennen, dann nochmal ab 1980, und ab 2000 nochmals verstärkt. ‚Komplex‘ ist nach Google engram vor 1900 kaum belegt; ein deutlicher Anstieg ist zwischen 1955 und 1970 zu beobachten. Aber natürlich ist Google engram ein durchaus fragwürdiges Messinstrument, und es zählt auch nur Wortvorkommen. Es könnte sein, dass es zum Beispiel für das Wort ‚komplex‘ vor 1900 ein konzeptuelles Äquivalent gegeben hat.