Mittwoch, 14. August 2019: Friedbert Aspetsberger: Zu Unrecht gescholtene Einfachheit. Von Goethe abwärts, zum Pop aufwärts, in: Stefan Krankenhagen und Hans-Otto Hügel (Hrsg.): Figuren des Dazwischen. Naivität als Strategie in Kunst, Pop und Populärkultur, Kopenhagen 2010 (Text & Kontext Sonderreihe 55), S. 81–107.

Es gibt ja – hatten wir es schon gesagt? – gar nicht mal so viele Beiträge zum Thema Einfachheit in der Literatur. Auf unserer Suche nach solchen Beiträgen sind wir auf den Beitrag von Friedbert Aspetsberger gestoßen. Allerdings kann man nicht sagen, dass dieser Text die letztgültige Antwort auf die Frage gibt: Was ist das Einfache in der Literatur?

Das will er aber vielleicht auch gar nicht. Irgendwie will dieser Text selbst ein Kunstwerk sein; er will nicht mit jedem Satz etwas Bestimmtes sagen, argumentiert nicht und gibt keine klar erkennbare Meinung preis. Eher handelt es sich um ein Patchwork von Ideen und Zitaten, im Anschluss an das man sich selbst etwas überlegen kann. Die Sprache ist etwas gesucht, der Duktus eher essayistisch als wissenschaftlich. Erfreulich ist jedenfalls, dass der Text auf so instruktive Bücher wie Florian Werners Die Kuh. Leben, Werk, Wirkung (Zürich 2009) hinweist. Erhellend finden wir Aspetsbergers Analyse von 9/11 mit der Analogisierung zu den glorreichen Sieben.

Aspetsberger hat sich mit seinem Text einen Spaß gemacht. Es handelt sich um eine freie Variation über Fragen wie: Kann/sollte ich Goethe über die Rolling Stones stellen? Oder die Rolling Stones über Goethe? Sind Pop und Hochkultur ganz unterschiedliche Dinge, oder spielen sie in derselben Liga? Aspetsberger scheint eher zu meinen, dass es sich um unterschiedliche Zugänge zur Welt handelt, und er ist entschieden auf der Seite des Pop. Seiner Meinung nach geht es beim Pop, so in Fußnote 18, nicht um Verstehen, sondern Pop ist geradezu gegen Verstehen gerichtet, es geht um „einfache Vielfalt ohne besondere Deutungen“. Das wird auch in der Textdarstellung selbst exemplifiziert; der Text will selbst Pop sein.

Natürlich wurden Pop-Artefakte als einfache Hervorbringungen aus der Warte der Hochkultur häufig verurteilt. Aspetsberger hebt dagegen hervor, dass Pop seinen eigenen Appeal hat und dass dieser Appeal etwas zu tun hat mit Wiederholung, Einfachheit, Oberfläche und einem Neuen, das nicht radikal neu ist, sondern durch Variationen entsteht (vgl. die Definition von ‚Pop‘ S. 90). Einfachheit beschreibt Aspektsberger als „unübersehbare Überschaubarkeit“ (S. 87). Diese paradoxe Formulierung ist nur dem Anschein nach eine Definition. Eher handelt es sich um eine Beschreibung, die Assoziationen weckt. Ist es vielleicht so etwas wie die Parodie einer Definition? Ist der ganze Text eine Parodie?

Offenbar handelt es sich um ein Plädoyer dagegen, Dinge in vorgefertigte Schablonen einzuordnen. Dabei ist der Text ziemlich voraussetzungsreich, er wendet sich an einen gebildeten Leser, obwohl er gleich auf der ersten Seite gegen Bildungsbürger polemisiert. Hier wird andere Art von Bildung ins Feld geführt, der Autor geriert sich als Bildungsrevolutionär, der der Popkultur ihren Platz erstreiten möchte. Interessant: Pop ist ein Ort, an dem sich Diskurse mischen. Literaten wie Thomas Meinecke pflegen eine Affinität zur (Literatur-)Wissenschaft; das ‚Objekt‘ beobachtet seine Beobachter. Bei Aspetsberger ist es andersherum; der Wissenschaftler probiert sich als Künstler aus und pflegt eine Affinität zum entgrenzenden, versuchsweisen, künstlerischen Schreiben.