Montag, 14. Oktober 2019: Fritz Breithaupt: Die einfache Form des Erzählens (Experimentelle Geisteswissenschaften), in: Albrecht Koschorke (Hrsg.): Komplexität und Einfachheit. DFG-Symposion 2015, Stuttgart 2017, S. 104–123.

Fritz Breithaupt stellt die These auf, dass Erzählungen dergestalt als einfache Form gelten könnten, dass es sich um ‚Affektkapseln‘ handle, soll heißen, um „Transportmittel“, die „einen emotionalen Eindruck von einem Erzähler auf einen Hörer oder Leser“ übertragen (S. 104). Das Brisante an Breithaupts These ist, dass er damit gegen einen standard view der Textwissenschaften Stellung bezieht: „Wir müssen uns von dem Gedanken befreien, dass eine einfache Form der Narration in einer textuell kodierten Handlungssequenz besteht. Stattdessen müssen wir dem Affektiven das Primat oder zumindest einen zentralen Stellenwert einräumen.“ (S. 117) Seine These belegt Breithaupt, für die Geisteswissenschaften ungewöhnlich, durch Experimente: Probanden werden ganz kurze, einfache Narrative vorgelegt, die sie wieder anderen Probanden nacherzählen sollen. Das wird mehrfach wiederholt. Heraus kommt, dass in diesem Stille-Post-Spiel der Gehalt und die Form der Geschichten sich verändern, dabei aber der Überraschungsgrad der jeweiligen Geschichte für Zuhörer über mehrere Stationen hinweg ziemlich stabil bleibt.

Wir diskutieren diesen Aufsatz und seine Thesen nicht zu zweit, sondern im Plenum mit unseren Marsilius-Mitfellows. In der Diskussion überwiegt zunächst Kritik an Breithaupts methodischem Ansatz: Was meint Breithaupt mit ‚dem Einfachen‘? Ist das sein Wort für ‚das Wesentliche‘? – Die in dem Aufsatz präsentierten Beispiele für die den Probanden vorgelegten Narrative haben tendenziell das Format von Witzen, es handelt sich also um einen ganz bestimmten Typ von Narrativen. Der Aufbau des Versuchs prägt vermutlich das Ergebnis mit. Wie verhält es sich bei komplexeren Narrativen? – Wenn man, wie Breithaupt, nach Affekten fragt, dann bekommt man auch Affekte als Antwort. Erzählungen sind aber sowohl durch kognitive oder auch affektive Muster als auch durch Textstrukturen charakterisiert. Hier einen Primat behaupten zu wollen, ist vielleicht grundsätzlich verfehlt, bei diesem Versuchsaufbau auch sogar etwas fahrlässig. – Anscheinend hat kein Kontrollexperiment stattgefunden, zumindest berichtet Breithaupt davon nicht. – Das Experiment wird als quantitatives Experiment verkauft, aber eigentlich ist es ein nicht ganz professionell gemachtes qualitatives Experiment.

Das sind natürlich alles keine grundsätzlichen Einwände gegen Breithaupts These. Die ist vielleicht ganz gut, sie leistet nicht zuletzt einen Beitrag dazu zu erklären, wie (literarische) Text Stimmungen transportieren und warum das wichtig für das Verstehen von (literarischen) Texten ist. Es wurde nämlich in letzter Zeit öfters darauf hingewiesen, dass dieser Aspekt von der traditionellen Texthermeneutik nicht oder nur unzureichend erfasst wird. Aber das Experiment, das Breithaupts These stützen soll, ist vielleicht revisionsbedürftig. Gegen die These kann man aber auch etwas einwenden, nämlich dass sie die Reichhaltigkeit dessen, was Erzählen alles sein und wie es funktionieren kann, stark reduziert. Unberücksichtigt bleibt etwa, wie das Wiedererzählen von Geschichten mit eigenen Erlebnissen und dem Erfahrungshorizont des jeweiligen Erzählers korreliert. Dieser Reduktionismus wird umso gravierender, wenn man sich nicht nur für Erzählen allgemein, sondern für literarisches Erzählen interessiert. Breithaupt schreibt, die Geisteswissenschaften hätten ein Problem mit Wiederholungen. Aber das liegt vielleicht daran, dass sie sich mit individuellen Artefakten befasst. Ich kann eine Erzählung von Thomas Mann nacherzählen, aber die meisten Leute würden der Nacherzählung nicht denselben ästhetischen und literaturhistorischen Status zubilligen wie dem Original, auch wenn ich mit meiner Nacherzählung denselben Überraschungsgrad erzeuge wie Mann mit seinem Originaltext. Welche Rolle spielen Formatierungen, etwa die Textsorte, das Genre: Erzähle ich einen Witz, eine Legende, eine Mythe? Und: Ist das mit der Affektkapsel spezifisch für Erzähltexte? Oder ist nicht auch zum Beispiel ein Gedicht eine Affektkapsel? Und hängen nicht Genre und intendierter beziehungsweise erzeugter Affekt eng zusammen, etwa dergestalt, dass Elegien den Affekt der Trauer, Hymnen den des Hochgefühls transportieren?

Ein anderer, wichtiger Aspekt: Wiedererzählen aus der Erinnerung geht in der Regel mit einer Komplexitätsreduktion einher. Texte sind im Übergang von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit Ergebnisse eines oralen Reduktionsvorgangs. Nicht umsonst ist für Editoren alter Texte die lectio difficilior ein Hinweis darauf, dass es sich um die jeweils ältere Textstufe handelt. Dringt man durch Wiedererzählen zum ‚Wirklichkeitskern‘ der Erzählung vor?

Woran bemisst sich eigentlich die Einfachheit von Erzählungen oder von Texten allgemein? Als Kandidaten werden in unserer Diskussion genannt Geradlinigkeit, Kürze, Repräsentativität, Prägnanz, ‚Volkstümlichkeit‘, Schlichtheit, ‚Kindliches‘; ‚Natürlichkeit‘. Prinzipiell lässt sich so etwas wie Einfachheit aber nicht (nur) an Texteigenschaften festmachen: Es liegt im Auge des Betrachters, hat etwas mit Vergleichen, Auslegen und Hineinlegen zu tun.