Montag, 6. Mai 2019: P. W. Anderson: More Is Different. Broken symmetry and the nature of the hierarchical structure of science, in: Science 177 (1972), Nr. 4047, S. 393–396.

Selim sagt mir, der vorliegende Aufsatz sei ein eminent impulsreicher Text für bestimmte Fragen, die bestimmte Bereiche der Naturwissenschaften umtreiben, ein moderner Klassiker sozusagen. Vieles, was in dem Text entwickelt wird, verstehe ich nicht. Verstanden habe ich aber Folgendes: Aus der These, dass sich alles in der Welt auf einige einfache Grundprinzipien zurückführen lässt (die „reductionist hypothesis“) folgt nicht, dass sich umgekehrt aus diesen paar Grundprinzipien die Welt in ihrer ganzen Komplexität rekonstruieren ließe (die „constructionist hypothesis“). Wie erklären wir Phänomene, die sich nicht notwendig aus den Naturgesetzen entwickeln? Es ist nämlich so, dass an vielen Bereichen der wissenschaftlichen Beschreibung der Welt kleine Unregelmäßigkeiten zu beobachten sind, die dazu führen, dass eine ‚neue Ebene‘ der Komplexität erreicht wird. Das ist aber keine Frage der gesteigerten Quantität, sondern der ganz neuen Qualität. Aus diesem Grund lassen sich zum Beispiel chemische Sachverhalte auf Prinzipien der Teilchenphysik zurückführen, aber aus den Gesetzen der Teilchenphysik lassen sich keine chemischen Phänomene konstruieren. Das gilt nicht nur für die Naturwissenschaften: So lassen sich möglicher Weise sozialwissenschaftliche Sachverhalte auf Prinzipien der Psychologie zurückführen, aber aus den Prinzipien der Psychologie lassen sich keine sozialen Phänomene konstruieren. Es kommt vor, dass ein System gut erklärbar ist. Dann stellt sich aber die Frage: Wie ist die Schwelle der Änderungen im System zu identifizieren, an der zustande kommt, dass etwas nicht mehr erklärbar ist?

Was Anderson beschreibt, ist irgendwie verwandt mit dem Phänomen der Emergenz. Wie kommt etwas Neues in die Welt? Wie erzeugen einfache Strukturen Komplexität auf einer neuen Ebene? Spielt hier der Zufall eine entscheidende Rolle, oder hat alles einen Grund, nur manchmal verstehen wir die Komplexität der Kausalitäten (noch) nicht? Und kann man, wenn man alle Bestandteile und Regularitäten eines Gegenstandsbereichs kennt, Prognosen erstellen über das, was sich daraus entwickelt? Wenn man aber keine belastbaren Prognosen erstellen kann: Heißt das dann wiederum, dass hier der Zufall am Werk war? Ein Fallbeispiel aus meinem Feld, der Literaturwissenschaft, ist die Frage, ob sich ein neues Gedicht vollständig auf dem Wege eines Regelsystems konstruieren lässt, oder ob etwas Unerklärbares, Inspiration oder Genie, dafür nötig ist. Wer hat hier Recht, die vormoderne Regelpoetik oder die moderne Genieästhetik? Oder haben beide Recht, etwa dergestalt, dass die Brechung von Regeln mit der Erzeugung neuer Regelsysteme einhergeht? Beziehungsweise, nicht mehr in der Logik der Produktion, sondern der verstehenden Reproduktion gedacht, lässt sich ein Kunstwerk restlos dadurch verstehen, dass man das Ererbte, Erlebte und Gelernte seines Autors erklärt, wie Wilhelm Scherer, der Gründervater der Neueren deutschen Literaturwissenschaft, es sich Ende des 19. Jahrhunderts vorstellte? Oder reicht das nicht aus?

Das sind, wie Selim sagt, keine ‚harten‘, sondern eher ‚weiche‘ Fragen, sowohl mit Blick auf die Natur- wie auf die Geisteswissenschaften. Es ist nämlich eher unklar, was die Bedingungen dafür sind, dass man sie beantworten könnte. Und sie drehen sich um ein Thema, das sich als Allgemeinplatz darstellen lässt: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Andersons Überlegungen verweisen auf Chancen interdisziplinären Arbeitens. Seine Vorstellung ist, dass sich an den Grenzen der Wissenschaftsdisziplinen die interessanten Punkte finden lassen. Die Frage ist nur, was man alles wissen muss, um Brücken zwischen den Disziplinen schlagen zu können?