Montag, 13. Mai 2019: Detlev Schöttker: Reduktion und Innovation. Die Forderung nach Einfachheit in ästhetischen Debatten zwischen 1750 und 1995, in: Gerhart von Graevenitz (Hrsg.): Konzepte der Moderne, Stuttgart und Weimar 1999 (Germanistische Symposien. Berichtsbände 20), S. 331–349.

Der vorliegende Text stellt Bausteine zu einer Art Ideengeschichte von Einfachheit als ästhetischer Idee seit dem 18. Jahrhundert bereit. Hinter dem Beginn des gewählten Zeitraums der historischen Rekonstruktion steckt eine These; das Ende ist kontingent gewählt, die Geschichte endet nämlich mit der Gegenwart des Ideenhistorikers. Wenn Schöttker seine Geschichte Mitte des 18. Jahrhunderts beginnen lässt, dann ist die dahinter stehende Idee die, dass Ideale von Einfachheit in der Geschichte der Ästhetik etwas mit Idealen von Klassizität zu tun haben: Klassizität beruht auf Einfachheit, so der Gedanke. Und da das 18. Jahrhundert im deutschen, aber auch im französischen Kulturraum ein Jahrhundert ist, in dem Klassizität als ästhetisches Ideal groß geschrieben wurde, beginnt hier, so Schöttkers These, auch das ästhetische Nachdenken über Einfachheit. Ob das historisch so zutrifft, darüber kann man, wie immer bei historischen Thesen, streiten. Darum soll es hier aber nicht gehen. Vielmehr scheint mir wichtig, dass Schöttker unterschiedliche Ausprägungen der Einfachheitsidee ideenhistorisch skizziert.

Das eine ist der Gedanke der Naivität. Die Idee ist die, dass Phänomene, die am Anfang der Kulturgeschichte zu situieren sind, auch eher einfach strukturiert sind. Geschichte wird gedacht analog zu einem Menschenleben: So wie Kinder gedanklich eher einfach strukturiert sind, so ist auch die ‚Kindheit‘ der Kultur einfach strukturiert. Und wie man sich wünschen kann, wieder ein Kind zu sein, weil in der Kindheit alles so einfach war, so kann man versuchen, sich auch an der ‚Kindheit‘ der Kultur zu orientieren, um eine ‚neue Einfachheit‘ zu erreichen. (Selim findet den Gedanken, einfache Formen seien in der Antike zu situieren, einigermaßen merkwürdig: Das, was uns aus der Antike überliefert ist, ist doch das high end dieser Kultur, ihre komplexesten Ausprägungen. Alles andere ist im Strom der Geschichte verloren gegangen.) Das andere ist der Gedanke, dass komplexe Phänomene auf einfache, essentielle Strukturen zurückgeführt werden können, aus denen sich alles andere herleitet. Dieser Gedanke hat im 18. Jahrhundert zur Idee der ‚Urhütte‘ geführt, einer Art Haus vom Nikolaus, das kulturanthropologisch betrachtet, so die spekulative Sicht mancher Autoren im 18. Jahrhundert, der Ausgangspunkt der griechischen Tempel ist. (Eine Darstellung der ‚Urhütte‘, die das Frontipiz zur zweiten Auflage von Marc-Antoine Laugiers Essai sur l’architecture von 1755 bildet, haben wir durch Schöttkers Aufsatz kennen gelernt; sie ziert jetzt die Titelseite unseres Blogs.) Die Idee von der Urhütte ist natürlich völlig spekulativ; was würde passieren, wenn man sie durch die Idee der Höhle als dem ursprünglichen Wohnort der Menschen ersetzte? Die Vorstellung einfacher architektonischer Formen würde deutlich anders aussehen. (Dass diese Vorstellung in der Ideengeschichte tatsächlich wirkmächtig gewesen ist, kann man ausführlich in Hans Blumenbergs Abhandlung Höhlenausgänge von 1989 nachlesen.) Schöttkers Aufsatz ließe sich vielleicht als Antwort auf die Frage lesen, wie es eigentlich in der Moderne des 20. Jahrhunderts zu so etwas wie Bauhaus gekommen ist. Und sie lässt sich lesen als Anzeige eines Desiderats: Man bräuchte eine Kulturtheorie der Einfachheit, um einfache, klassizistische Phänomene gegen ideologische Kritik zu ‚schützen‘, gegen Kritik in dem Sinne, dass Einfachheit und Klassizität quasi-totalitären Charakter besäßen.

Die Vorgehensweise des ideengeschichtlichen Beitrags von Schöttker ist, wie uns im Gespräch klar wird, für einen naturwissenschaftlichen Rezipienten ungewöhnlich: Es geht darin nicht um die historischen Phänomene selbst, sondern um die Geschichte der Meinungen, die zu einem Phänomen geäußert wurden. Diese Vorgehensweise ist nicht unbedingt kennzeichnend für geisteswissenschaftliche Arbeiten allgemein. Denkbar wäre durchaus eine kulturgeschichtliche Abhandlung, die nicht die Meinungen über Einfachheit, sondern einfache kulturelle Artefakte selbst zum Gegenstand hätte. Gewöhnungsbedürftig ist für einen Naturwissenschaftler auch die Frage, was an einfachen Formen schön sein könnte – es geht um Meinungen über Schönheit, nicht über Wahrheit. Allerdings spielen Fragen der Ästhetik möglicher Weise auch in scheinbar streng wahrheitsbezogenen naturwissenschaftlichen Diskursen eine Rolle. Wenn zum Beispiel P. W. Anderson nach ‚symmetrischen‘ Strukturen in der Natur fragt, dann ist das Konzept der Symmetrie wenigstens ästhetisch eingefärbt. Wenn Naturwissenschaftler ‚elegante‘ Problemlösungen gegenüber weniger eleganten bevorzugen, dann ist das eine im Grunde ästhetische Bewertungskategorie. Hier spielt die Kategorie der Einfachheit eine zentrale Rolle: Einfach Lösungen sind suggestiv und besitzen damit einen ästhetischen Appeal. (Das ist vielleicht ein Teil des Erfolgsgeheimnisses von e = mc2 – man muss nicht verstehen, was das bedeutet, man kann trotzdem überzeugt sein, dass Einstein ein genialer Typ war, wenn er es geschafft hat, zentrale und komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge auf eine so einfache Formel zu bringen.) Und schließlich: Wenn ein großes Forschungsvorhaben wie der Heidelberger Exzellenzcluster Structures sich der Frage widmet, warum eigentlich so viel Struktur und so wenig Chaos im Universum ist, dann ließe sich diese Frage wahrnehmungstheoretisch, also ästhetisch wenden: Kann es sein, dass wir so viel Struktur wahrnehmen, weil unsere mind einfach dazu disponiert ist, Strukturen wahrzunehmen?