Montag, 20. Mai 2019: David Schirmer: Mäyen Lied, in: ders.: Poetische Rosen-Gepüsche 1657. Hrsg. und mit einem editorischen Anhang versehen von Anthony J. Harper, Tübingen 2003, S. 447–450, hier zitiert nach Dirk Werle: ‚Barocke‘ Lyrik lesen, Frankfurt a.M. 2019, S. 147f.

Heute sprechen wir nicht über einen wissenschaftlichen Beitrag, sondern über ein Gedicht. An unserem Gespräch, diesmal nicht im Marsilius-Kolleg in Heidelberg, sondern im Kurhaus Trifels in Annweiler in der Pfalz, nehmen heute noch weitere Marsilius-Fellows teil: der Jurist Stefan Geibel, die Biophysikerin Frauke Gräter und die Anglistin Vera Nünning. Später kommen noch andere dazu.

Das Gedicht ist ausgesprochen ;einfach‘: Metrik und sprachliche Gestaltung sind simpel und regelmäßig, es geht um Natur und Liebe. Vera sagt, ähnliche Gedichte hat es in der Zeit auch in England gegeben. Der Text hat das ‚Lied‘ im Titel, und das ist kein Zufall, denn man soll ihn sich als zu Musik gesungenes Lied vorstellen. Auszugehen ist von einer Interaktion zwischen Text und Melodie. Im Text selbst wird auch eine Art Musik thematisiert, nämlich die Naturgeräusche, die vor allem von verschiedenen Tieren hervorgebracht werden. Der Text soll einerseits Leichtigkeit zum Ausdruck bringen, aber im Hintergrund, zum Teil auch ganz explizit, steht eine Schwermütigkeit: ‚Noch‘ können der Sprecher und seine Geliebte das Leben genießen, aber das wird alles einmal ein Ende haben. Ist die Einfachheit des Gedichts ästhetisch bestechend? Für Leser, die mit der Materie nicht so vertraut sind, kann der Text wirken wie Kitsch: Er arbeitet erkennbar mit Stereotypen, die allenfalls auf neue Weise variiert werden. Zu rechnen ist aber wohl damit, dass das programmatisch und intendiert dem Spiel entspricht, das man mit solchen Texten gespielt hat: Es ging nicht darum, einzigartige, komplexe poetische Gebilde zu erschaffen, sondern ein unterhaltsames, geistreiches Spiel mit Elementen einer dichterischen Vorstellungswelt zu spielen, als Gegenmodell zur traurigen, schlechten Realität und zum irdischen, endlichen Dasein. Man könnte auf die Idee kommen zu sagen, das sei ein typisch barockes Gedicht, ein Carpe-diem-Gedicht angesichts der Vergänglichkeit allen Daseins. Aber ähnliche Texte hat zum Beispiel noch Bertolt Brecht geschrieben: ‚Die Gier verschlägt mir den Atem, die Uhr tickt…‘ Das Thema des Gedichts ist vielleicht so etwas wie die Beschreibung hochqualitativer Lebenszeit.

Der Text stellt in seiner betonten Einfachheit besondere Herausforderungen an Interpreten: Gibt es hier überhaupt etwas zu interpretieren? Würde David Schirmer uns auslachen, wenn er sehen würde, wie wir heute da sitzen und über seinen Text reden? Wenn das aber zutrifft, wie sollte man sonst mit dem Text umgehen, wenn man nicht voreilig behaupten möchte, er sei vielleicht literatur- und kulturhistorisch nicht relevant?

Die Einfachheit des Texts wirkt auf manche Leser ‚kindlich‘, wie ein Kinderlied. Auch Kinder lieben ja Singen und Reimen. Aber der Text ist nicht naiv. Er thematisiert erotische Liebe – Blumenbrechen als Allegorie für Geschlechtsverkehr – und den drohenden Tod. Es handelt sich um eine ‚erwachsene‘ Perspektive auf die Welt, die aber die Empfehlung artikuliert, sich keine großen Gedanken zu machen, und dies innerhalb eines einfachen Grundmusters. Es finden sich Anklänge an Pastoraldichtung, an Hirtendichtung, und das ist überhaupt nicht naiv, denn damit stellt sich der Autor in eine jahrhundertelange literarische Tradition, die in der Antike, bei Theokrit und Vergil, beginnt. Der Text ist schnörkellos, aber dabei nicht – wie einfache Texte etwa des 18. Jahrhunderts – ein Gegenentwurf zum Verschnörkelten; und der Rückgriff auf die ‚einfache‘ Antike ist auch nicht ganz so deutlich, wie man das vielleicht im 18. Jahrhundert beobachten kann. In ästhetisch-poetischer Hinsicht lassen sich unterschiedliche Formen von Einfachheit vorstellen: die Einfachheit des – in der Konsequenz – einen Worts, das mit seiner Kraft alles Wesentliche aussagt, oder die Einfachheit, die durch die Wiederholung, Variation und Neukombination von bekannten Elementen zustande kommt.

Möglicher Weise hilft für ein Verständnis des Texts die Analogie zur heutigen Popmusik weiter: ein einfacher Text, der in Verbindung mit Musik funktioniert, inhaltlich und formal auf einfach Prinzipien beruht, keinen elaborierten doppelten Boden besitzt und ein Spiel mit literarischen Wiederholungen und Variationen spielt. Diese Analogie kommt aber an ihre Grenzen, wenn man sich nach der sozialen Rolle des Autors fragt: Der war kein Popstar, konnte es auch nicht sein, weil die medialen Voraussetzungen für so etwas wie modernen Starkult nicht gegeben waren. Schirmer war ein ‚bodenständiger‘ Gelehrter, der bei Hofe arbeitete, der in seiner Freizeit dichtete und dabei in lokale und regionale Netzwerke eingebunden war.

Kann man, wenn man sich das Gedicht und die damit aufgeworfenen Probleme für Literaturwissenschaftler ansieht, und wenn man sich dann an die Diskussion über ‚broken symmetry‘ in den Naturwissenschaften erinnert, versuchsweise so eine einfache Formel aufstellen wie die, dass Naturwissenschaften vorzugsweise auf der Suche nach einfachen Modellen sind und dabei hoffen, dass sich Einfachheit aus der Komplexität gewinnen lässt, dass hingegen Literaturwissenschaftler vorzugsweise auf der Suche nach komplexen Beschreibungen sind und unglücklich werden, wenn sie die nicht finden?